Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung muss erhalten bleiben

Man tut der Aquaristik, aber auch allen anderen Sparten der privaten Kleintierhaltung, bitter Unrecht, wenn man sie auf rein dekorative Attituden reduziert. In Wahrheit handelt es sich um eine für den weltweiten Artenschutz unverzichtbare Hilfswissenschaft. Hierzulande haftet dem Begriff „Laie“ etwas anrüchiges an. In anderen Ländern ist das anders. Tatsache ist: wirtschaftlich unbedeutende Tierarten – und dazu zählen nahezu alle kleinen Fische – werden hauptsächlich von Biologen studiert, die nie einen akademischen Grad erlangten, aber in ihrem Fachgebiet absolute Spezialisten sind.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die wundervoll gefärbten Prachtgrundkärpflinge der Gattung Nothobranchius. Dabei handelt es sich um typische Saisonfische, die im Freileben temporäre Gewässer besiedeln. Sie haben dazu ein unvergleichlich schnelles Wachstum entwickelt. Wenn es in ihrer Heimat, den Steppen Ostafrikas und angrenzenden Gebieten, nach langer Trockenzeit regnet und sich die zuvor knochentrockenen Pfützen und Tümpel wieder mit Wasser füllen, schlüpfen aus Eiern, die in Dauerschlaf im Boden ruhten, plötzlich unzählige Jungfische, wachsen heran, paaren sich und legen Dauereier, bevor die Wohngewässer wieder austrocknen und alle Fische sterben müssen. Ihre Anpassung an diese extremen Lebensräume geht so weit, dass eine der Prachtgrundkärpflingsarten – Nothobranchius furzeri – das von Natur aus kurzlebigste Wirbeltier der Erde geworden ist. Zwischen Schlupf aus dem Ei und Tod aus Altersschwäche liegen maximal 5 Monate, 14 Tage nach Schlupf erreichen sie die sexuelle Reife und normalerweise sterben sie nach 8 Wochen. Diese phänomenale Eigenschaft macht N. furzeri zu einem der wichtigsten Modellorganismen bei der Erforschung von Alterungsprozessen von Wirbeltieren.

Heute (2021) kennt man 90 akzeptierte Arten von Prachtgrundkärpflingen. Lediglich 11 davon wurden ohne die wesentliche Mitwirkung von Aquarianern beschrieben, nahezu alles, was man über die spezielle Biologie dieser Tiere weiß, verdankt die wissenschaftlich interessierte Weltgemeinschaft den privat finanzierten Beobachtungen und Forschungsreisen engagierter Aquarianerinnen. Solche Forschung muss weiterhin möglich bleiben! Man kann nur schützen, was man kennt. Artenschutz ist unmöglich ohne Artenkenntnis und Artenkenntnis setzt Spezialisierung voraus, wie sie aus den unterschiedlichsten Gründen bei kleinen Fischen nur Aquarianerinnen erlangen können. Es ist dabei unerheblich, ob diese Aquarianer*innen in wissenschaftlichen Instituten oder privaten Fischräumen sitzen, ob sie an Universitäten studiert haben oder reine Laienforscher sind. Es muss möglich bleiben, Fische auf Expeditionen zu fangen und lebend mitzubringen, natürlich unter Beachtung lokaler Gesetzgebung, aber es steht dem Gesetzgeber in Deutschland und der EU nicht zu, dies zu untersagen oder zu verbieten.

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